Kostenlose medizinische Hilfe für die Region Zhytomir in der Ukraine

Andrushevka, 17. und 18. März 2012

Zusammen mit verschiedenen Hilfsorganisationen haben wir Mitte März 2012 eine umfangreiche Aktion unterstützt, welche der Bevölkerung der Region Zhytomir eine kostenlose medizinische Untersuchung ermöglichte. Im Spital der Stadt Andrushevka wurden während zwei Tagen hunderte von Menschen medizinisch untersucht und versorgt. Organisiert und durchgeführt wurde diese Aktion vom Verband der führenden ukrainischen Hilfswerke, dem die Osteuropahilfe «Triumph des Herzens» angehört.

Karte der Region Zhytomir

Die soziale Situation in der Ukraine

Die soziale Lage in der Ukraine ist durch fortdauernde Verarmung und zunehmende Einkommensunterschiede in der Bevölkerung gekennzeichnet. Der tägliche Kampf ums Überleben ist für sehr viele harte Realität geworden. Am Schlimmsten trifft es die Rentner sowie alte, kranke und alleinstehende Menschen. Ihr Einkommen reicht kaum für die minimalsten Bedürfnisse von Lebensmitteln. Die durchschnittlichen Lebenshaltungskosten betragen für Berufstätige 800 UAH (ca. 70 Euro) und können nur mit einem guten monatlichen Durchschnittseinkommen gedeckt werden. Das bedeutet, dass der Verdienst im unteren Einkommenssegment nicht zur Deckung des eigenen Bedarfs ausreicht, von der Versorgung der Kinder oder der Unterstützung eines älteren Familienmitglieds ganz abgesehen.

Alte Frau in Ihrer Küche

Nicht nur die Gehälter, auch die Renten sind in der Ukraine im Vergleich besonders niedrig. Die Durchschnittsrente betrug im letzten Jahr im Monat lediglich 800 UAH (ca. 70 Euro) und die gesetzliche Mindestrente 600 UAH (ca. 50 Euro). Viele Menschen fühlen sich nach teilweise 40 bis 50 Arbeitsjahren im Stich gelassen und sind verbittert. Für soziale Reformen mangelt es nicht an Konzepten, aber umso mehr am Geld bei gleichzeitig steigender Zahl der Bedürftigen. Nicht nur die sich zum Alter öffnende Bevölkerungspyramide, auch die Zunahme der Zahl von Menschen mit Behinderungen, sozialen Krankheiten wie Tuberkulose, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs, die Ausbreitung von HIV und Drogen sowie das Ansteigen von psychischen Krankheiten erschweren dabei alle Bemühungen um die Schaffung eines verlässlichen und gleichzeitig finanzierbaren Sozialversicherungssystems.

Alte Frau mit Gehhilfe

Ältere und kranke Menschen können sich den Arztbesuch, den sie zumeist aus der eigenen Tasche bezahlen müssen und die Preise für Medikamente in der Regel nicht leisten. Die gesundheitliche Versorgung ist absolut unzureichend und die vom Staat dafür eingesetzten Mittel - verglichen mit westeuropäischen Ländern - äusserst gering. In der Folge leiden viele ältere Menschen unter starken und unnötigen Schmerzen oder sterben zu früh – ohne ausreichende medizinische Hilfe, ohne Pflege und menschliche Zuwendung – nach einem oft entbehrungsreichen, leidvollen Leben.

Kostenlose medizinische Untersuchungen für die ärmliche Landbevölkerung

Die führenden ukrainischen Hilfswerke haben sich deshalb zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammengeschlossen, um in den verschiedenen Regionen der Ukraine der ärmlichen Landbevölkerung eine ausreichende medizinische Betreuung zu ermöglichen und eine neue Kampagne zur Unterstützung der Gesundheitsversorgung in den ländlichen Gebieten ins Leben zu rufen. Die "kostenlose ärztliche Beratung" soll vor allem Menschen in ländlichen Gebieten, welche aufgrund mangelnder Mittel kaum jemals zu einer Gesundheitsuntersuchung gehen, die Möglichkeit geben, ihren Gesundheitszustand zu überprüfen oder notwendige Medikamente zu erhalten. Der Verband der ukrainischen Hilfsorganisationen unterstützt die Aktion mit medizinischen Hilfsgütern, Medikamenten und einem Team von Ärzten, welche an den jeweiligen Durchführungsorten kostenlos Untersuchungen vornehmen und medizinische Hilfsmittel abgeben.

Vitaliy Tyron und weitere Helfer
Vitaliy Tyron, der Leiter unserer Niederlassung in der Ukraine (1. von rechts)

An der ersten Aktion vom 17. und 18 März 2012 in Andrushevka haben 16 Fachärzte – darunter ein Augenarzt, ein Lungenspezialist, ein Neurologe, ein Kardiologe, verschiedene Internisten, ein Kinderarzt, ein Gynäkologe - und viele Freiwillige aus Kiew und anderen benachbarten Städten teilgenommen. Schnell füllten sich die Gänge des ersten und zweiten Obergeschosses der Klinik von Andrushekvka mit Menschen, darunter viele ältere Menschen und Mütter mit Kindern, welche dem Aufruf gefolgt waren. Nach einem kurzen Abklärungsgespräch wurden sie einem der anwesenden Fachärzte zugewiesen, der dann die weitere Untersuchung und Behandlung durchführte. Entsprechend dem Befund erhielten die Patienten anschliessend kostenlos die erforderlichen Medikamente, Hilfsmittel oder Brillen. Die Nachricht über die Aktion verbreitete sich rasch. Am zweiten Tag kamen noch mehr Besucher, die zum Teil ihre ganze Familie oder Angehörige mitbrachten.

Menschen melden sich für ärztliche Untersuchung an

Bei der Medikamentenausgabe treffen wir Mary, eine Bewohnerin des Dorfes Min‘kivitsi. Sie erzählt uns: "Mein Sohn hat mich hergefahren. Ich bin froh, dass ich von der Aktion erfahren habe. Es ist ein gute Sache und wichtig für die armen Leute auf dem Land, die sich keine ärztliche Untersuchung leisten können. Der Arzt hat bei mir eine Punktation gemacht und Lungenkrebs festgestellt. Ich habe ein Medikament erhalten, das ich mir bei meiner Rente von 700 Grwina (ca. 60 Euro) niemals leisten könnte. Solche Anlässe sollten häufiger stattfinden, damit die Menschen spüren, dass man sich um sie kümmert."

Mutter mit ihren Kindern bei einer Ärztin

Nicht alle hatten die Möglichkeit, an den beiden Aktions-Tagen in die Klinik nach Andrushekvska zu kommen, um sich ärztlich untersuchen zu lassen, weil viele Menschen in der Ukraine auch am Wochenende der Arbeit nachgehen. Eugene Svyatyuk, der stellvertretender Bürgermeister von Andrushevka, der anlässlich der Aktion einen Augenarzt konsultierte sagte uns: "Das Gesundheitssystem ist vor allem für die Menschen in den Landgebieten und der Peripherie der Städte sehr wichtig. Viele Arbeitslose und Rentner können es sich nicht leisten, für eine fachärztliche Untersuchung in die Städte zu fahren. Deshalb sind Aktionen, wie die heute organisierte, äusserst wichtig und wir sind sehr dankbar dafür, dass sich die ukrainischen Hilfsorganisationen dafür eingesetzt haben".

Mann bei einer Untersuchung

Dank an die Wohltäter in Westeuropa

Insgesamt wurden an diesem Wochenende 1‘321 Menschen untersucht, von denen rund 650 noch keine Krankenakte hatten. 449 Augenuntersuchungen wurden durchgeführt und die entsprechend benötigten Brillen vor Ort angepasst und ausgegeben. Im Rahmen der Aktion überbrachte die Osteuropahilfe «Triumph des Herzens» der Kinik von Andrushevka ein Lungenfunktionsgerät (Plethysmograph), welches ein Arzt in Basel zur Verfügung gestellt hat. Auch viele Medikamente und medizinische Hilfsmittel (Gehstöcke, Gehhilfen, Rollatoren, Rollstühle, Verbandsmaterialien, etc.) und für die Kinder Spielsachen und kleine Geschenke konnten wir für die Aktion zur Verfügung stellen. Das Wichtigste war jedoch die Freude und Dankbarkeit, die wir in den Augen so vieler Menschen gesehen haben und die wir gerne an die Wohltäter und Unterstützer in der Schweiz, Deutschland und Österreich weitergeben möchten.

Fotogalerie

Über 1'300 Menschen kamen an den beiden Aktions-Tagen nach Andrushevka in die Polyklinik um sich von 16 Fachärzten kostenos medizinisch behandeln zu lassen.

Mann bei einer augenärztlichen Untersuchung
Klicken Sie auf das Bild um in die Fotogalerie zu gelangen!

© 2017 - Osteuropahilfe