«Es begann mit Spitalbetten»

erschienen im Swiss Camion
der Fachzeitschrift für Berufs-Chauffeure
5. Februar 2015
von Hans-Peter Steiner

Sechsmal war er in der Ukraine, je dreimal in Rumänien und Lettland und einmal in Weissrussland: Der Aargauer Rolf Haefeli macht in seiner Freizeit Hilfstransporte nach Osteuropa – mit eigenem Lastwagen. Im Frühjahr geht es erneut Richtung Lettland «und «kurzfristig evenuell in die Ostukraine».

Während andere Ski fahren oder sich am Strand räkeln, steigt er lieber – zusammen mit seinem pensionierten Kollegen, Christoph Oser, in seinen dunkelgrünen Lastwagen und steuert eine Destination in Osteuropa an – zwei- bis dreimal im Jahr: «Ich bin in der Fahrerweiterbildung viel in Osteuropa tätig und habe gesehen, dass grosser Bedarf an allem herrscht. 2008 hat der Verein «Help-Point-Sumy» in einer Regionalzeitung freiwillige Fahrer für einen Hilfskonvoi in die Ostukraine gesucht» Haefeli meldete sich spontan. Der erste Transport, gemeinsam mit Kollege Oser: Spitalbetten für Sumy (Ukraine).

Sattelschlepper Der DAF XF Baujahr 2002
Der DAF XF Baujahr 2002 von Rolf Haefeli

2010: Ein eigener Lastwagen

«Nachdem wir die Verhältnisse dort mit eigenen Augen gesehen hatten, sind wir noch weitere fünf Mal nach Sumy gefahren. 2010 schafften wir uns einen eigenen Lastwagen an, einen DAF XF 95.480, Baujahr 2002. Seitdem fahren wir nicht mehr im Konvoi mit acht bis zehn Lastwagen, sondern alleine. Der XF hat jetzt 753'500 Kilometern auf dem Tacho.» Mit Haefeli fährt regelmässig Christoph Oser, pensionierter Kollege und Umzugs- und Ladungssicherungs-Spezialist mit vielen hilfreichen Kontakten.

Christoph Oser und Rolf Häfeli (rechts) vor dem Lastwagen
Christoph Oser und Rolf Häfeli (rechts) in der Ukraine im Dezember 2012

Die Motivation

«Warum tun wir das? Wir machen diese Transporte in unserer Freizeit. Denn wir haben gesehen, dass es sehr viele Leute gibt, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Unsere Motivation ist es, einen kleinen Beitrag für Menschen zu leisten, die wenig bis nichts haben.» Doch Engagement ist das eine, Kosten das andere. Und dann sind noch die bürokratischen Hürden, die humanitäre Transporte in der osteuropäischen Region zu überwinden haben. Die Logistik ist komplex: «Man macht nicht mal so geschwind einen Hilfstransport dorthin.»

Heckansicht des vollbeladenen Lastwagens (Rumänien 2011)
Heckansicht des vollbeladenen Lastwagens (Rumänien 2011)

Dazu braucht es eine Menge Know how», sagt Haefeli. «Unsere Zeit und unsere Erfahrung stellen wir kostenlos zur Verfügung. Die Unterwegskosten bezahlen wir aus eigener Tasche. Von der LSVA hat uns grosszügigerweise die Oberzolldirektion befreit – eine enorme finanzielle Entlastung. Natürlich dürfen wir mit unserem Fahrzeug keine gewerblichen Transporte machen. Für Treibstoff und allfällige Strassensteuern erhalten wir jeweils eine Entschädigung von unseren Auftraggebern, den Hilfsorganisationen, mit denen wir zusammenarbeiten.»

Hier werden Betten mit einem Radlader abgeladen (Rumänien 2012)
Hier werden Betten mit einem Radlader abgeladen (Rumänien 2012)

Denn ohne die geht es nicht – sie haben die nötigen Beziehungen und das Netzwerk, um die notwendigen Begleitpapiere und Beglaubigungen für den Transport im jeweiligen Land vorab zu besorgen. Der Verein Help-Point-Sumy hat in der Ostukraine einen eigenen Verein gegründet, der auch Empfänger der Waren ist, und die Osteuropahilfe hat Stützpunkte in verschiedenen Ländern Osteuropas. Denn damit Hilfslieferungen einfach und kostengünstig eingeführt werden können, müssen die Hilfsorganisationen dort auch akkreditiert sein. Allein über die Osteuropahilfe werden pro Jahr über 100 Transporte aus der Schweiz abgewickelt.

Hilfsgüter werden abgeladen
Hilfsgüter für Lettland (2014)

«Die Leute können alles gebrauchen»

In den betreffenden Ländern können die Menschen alles gebrauchen: Schulmöbel, Büromöbel, Spitalmaterial, Fahrräder, Schuhe, Kleider, Spielzeug, Lebensmittel... Die Ware kommt, kostenlos, von den Spendern - Spitäler, Altenheime, Schulen, Firmen und Privatpersonen -, die ihrerseits die Hilfswerke kontaktieren. Die wiederum organisieren die Abholung und Lagerung und schliesslich den Transport zum Bestimmungsort.

Alte Frau
Freude: Sie steht der Ukrainerin aus Sumy

«Wir haben - dank Christoph Osers guter Kontakte - selber einige Ladungen organisieren können, so etwa fünf Komplettladungen Büromöbel von den Basler Versicherungen, weitere drei Ladungen Büromöbel von Bayer und einen Lastwagen voll Schulmöbel von der Sekundarschule Binningen», so Haefeli. Aufgeladen wird «die Ware» von freiwilligen Helfern der Hilfsorganisationen oder vom Personal der Spender, abgeladen ebenfalls. «Sie glauben gar nicht, wie schnell dort zehn, zwanzig Leute zum Abladen von überall her auftauchen.»

Weihnachtsgeschenke
Weihnachtsgeschenke

Bürokratische Hürden

Nicht immer geht so ein Transport ganz reibungslos über die Bühne: «Bevor wir einmal eine Ladung Weihnachtspakete in Kiew verzollen konnten, mussten erst 27 Päckchen in den Privatwagen des Zollchefs geladen werden. Erst danach bekamen wir den definitiven Stempel. Und im Dezember 2012 hatten wir Probleme bei der Einreise an der ukrainischen Grenze. Die Weihnachts-Pakete enthielten Lebensmittel. Eine Transitabfertigung wurde verweigert, weil zwei Wochen vor unserem Transport die Zolldirektion die Weisung herausgegeben hatte, dass an dem von uns gewählten Zollamt keine Lebensmittel mehr abgefertigt würden, auch nicht im Transitverfahren. Davon hatten wir natürlich keine Kenntnis. Bis zur nächstgelegenen Zollstelle wären es nur 40 Kilometer gewesen. Aber wir hatten ja keine Zollpapiere mehr. Unser Plan, die Strecke in der Ukraine mit einem so genannten Geleitschein zu fahren, fiel ins Wasser. Also standen wir nach zwölf Stunden wieder im polnischen Zollhof. Für eine Kaution von 1'400 Euro in bar erklärte sich eine Zollspedition bereit, uns ein Transitdokument zur nächsten Zollstelle auszustellen. Den Betrag haben wir aber bei der Ausreise am Folgetag problemlos zurück bekommen, wenn auch in polnischer Währung - Zloty. Die Reise konnte weitergehen, allerdings mit 26-stündiger Verspätung», erinnert sich Haefeli.

Lastwagen vor Hangar
Abladen von Spitalzubehör in einen Hangar in Lettland (Mai 2013)

Doch - abgesehen von den administrativen Problemen - «sind die Leute dankbar für jede Unterstützung. Und das zeigen sie auch. Sie laden einen zum Essen ein, und man darf dann keinesfalls ablehnen, denn das wäre so etwas wie eine Beleidigung. Es wird sehr grosszügig aufgetischt. In der Ukraine gehören zudem Trinksprüche und Wodka zu jedem Empfang. Für uns ist diese vorbehaltlose Gastfreundschaft in gewissen Situationen etwas peinlich, denn wir wissen ja, die Menschen haben sehr wenig und verwöhnen einen dennoch sehr üppig.»

Kirche von Aglona, Lettland
Übernachtung neben einer Kirche (Aglona, Lettland 2014)

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Die beiden Schweizer Chauffeure, Rolf Häfeli und Christoph Oser, bringen für die Osteuropahilfe 3-4 Mal im Jahr Hilfsgüter an verschiedene Destinationen in Osteuropa. Ihr Engagement für humanitäre Hilfsgütertransporte ist ausserordentlich. Wir freuen uns, dass sie für uns fahren und danken ihnen - auch im Namen aller Empfänger - für die tolle Zusammenarbeit!

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Links

Ein weiterer Reisebericht von Rolf Häfeli und Christoph Oser über einen Einsatz in Lettland:

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