Lettland

Hunger in Lettland: Bittere Realität

Plakate der Initiative "Paedušai Lat-vijai" (Für ein sattes Lettland), einer Art Lebensmitteltafel, zeigen eine Folge der lettischen Sparpolitik. Lettland kann mit öffentlichen Mitteln Hunger nicht mehr verhindern. Für viele Senioren, Behinderte und kinderreiche Familien reicht das Essen nicht. Private Geldgeber und freiwillige Helfer springen ein, um die größte Not zu lindern. "Paedušai Latvijai" zählte Ende August 2010 rund 26'000 hilfsbedürftige Familien. Davon konnten die Helfer 10'877 Haushalte mit Überlebensrationen versorgen. 15'175 Familien, also 58 Prozent der Erfassten, müssen erst mal weiter darben. Auch ausländische Beobachter sorgen sich um das Los der Letten: Das Schweizer Hilfswerk Osteuropahilfe «Triumph des Herzens» berichtet nicht nur über das Elend, das sie in einem EU-Land vorfinden, es leistet auch lebenswichtige Hilfe.

Das Plakat sagt: "Wir wenden uns gegen Armut!"

Am 30.8.10 veröffentlichte die Nachrichtenagentur LETA einen Zwischenstand des Hilfsprojekts: Seit dem Herbst 2009 hat "Paedušai Latvijai" 283'900 Lats (=400.046 Euro) gesammelt. Geldspenden konnten telefonisch, über die über Sammelbüchsen in den Filialen einer Lebensmittelkette getätigt werden. Im Zeitraum vom 26. Juli bis 28. August wurden beispielsweise 2'780 Pakete in 18 Städten verteilt.

Helfer verteilen Hilfsgüter an Familien und bedürftige Menschen

Die 700 Helfer von "Paedušai Latvijai" packen Lebensmittel mit langer Haltbarkeit in die speziell angefertigten Tüten: Mehl, Reis, Erbsen, Gries, Nudeln, Tütensuppen, Kaffee, Tee und weitere Grundnahrungsmittel. Hinzu kommen Waren des alltäglichen Bedarfs, etwa Haushaltsreiniger oder Seife. Eine Familie kann auf diese Weise Rationen im Umfang von zwölf Kilogramm im Monat erhalten. Eine Spendentüte hat den Wert von 8,5 Lats (=12 Euro). Insgesamt wurden bislang 21,4 Tonnen an Haushalte verteilt.

Das Schweizerisch-Baltische Komitee weist auf die deprimierende Situation der Menschen in der Provinz hin. In einem Brief aus dem südlettischen Auce bedankten sich die Einwohner Ende April bei den Schweizern für Lebensmittel und Kleidung. Sie beschrieben dabei ihre Lage: Die Regierung und die Kommunen haben viele Angestellte entlassen. In Auce, das 4100 Bürger zählt, sind nun viele erwerbslos. Keine Arbeit, kein Geld – die Briefschreiber schildern die Konsequenzen des persönlichen und staatlichen Ruins: In den Familien können die Kinder nicht mehr dreimal täglich mit Essen versorgt werden. Schüler kommen nicht in die Schule, weil ihre Eltern den Bus nicht mehr bezahlen können. Für viele Kinder verlängert sich der tägliche Schulweg, weil die Dorfschulen schliessen. Eine 20 Kilometer lange Fahrt ist keine Seltenheit mehr.

Die Letten bedankten sich auch für die medizinische Hilfe. Die Schweizer schickten Verbandsmaterial, das in den verbliebenen Krankenhäusern und Arztpraxen fehlt. Lettische Patienten müssen ihre Behandlung selbst bezahlen, was in solchen Zeiten so manche überfordert. Der Brief schliesst: „Jedes Jahr hoffen wir, dass es uns endlich besser gehen wird, aber leider sehen wir noch kein Licht am Ende des Tunnels und sind für jede Hilfe sehr dankbar.“

 

Ähnlich pessimistisch endet eine kurze Dokumentation des Schweizer Fernsehens (SF) über die Hilfslieferungen des Komitees. Das SF-Magazin ECO strahlte am 10. Mai 2010 einen Film von Roger Brunner und Tobias Bossard aus. Die beiden Autoren kommen zu folgendem Fazit: „Essenspakete für ein Land der Europäischen Union. Bis vor kurzem undenkbar. Heute bittere Realität.“

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