Bericht zur Lage in der Ukraine

Kiew, 30. März 2014
P. Rolf Schönenberger

Liebe Freunde und Wohltäter der Osteuropahilfe Die Welt ist betroffen über die Ereignisse der letzten Wochen und Monate, die sich in der Ukraine und auf der Halbinsel Krim ereignet haben. Europa steht unter Schock! Die Politiker, bedacht auf die Sicherheit und Interessen ihrer eigenen Länder, ringen um Lösungen in einer schier aussichtslosen Situation. Die Lage ändert sich täglich und wir wissen nicht, ob nicht ganz Europa schon morgen in einen neuen grossen Krieg hineingezogen wird. Viele sind sich der ernsten Lage noch immer nicht bewusst und warten ab. Das Einzige, was wirklich helfen kann, ist ein Gebetssturm der ganzen Welt, damit Gott die verhärteten Herzen der Verantwortlichen erweicht und sie friedlichen Lösungen zustimmen, um nicht Millionen von Menschen erneut in unsägliches Leid zu stürzen.

Platz der Unabhängigkeit

Vor allem in der Westukraine, wo Millionen von griech. Katholiken leben und auch die röm. kath. Kirche viele Gläubige zählt, sind die Kirchen auch wochentags übervoll. Die Angst vor einer russischen Invasion ist gross. Auf öffentlichen Plätzen beten die Menschen zu Gott um eine Lösung und nehmen Zuflucht bei der Gottesmutter, um das drohende Unheil abzuwenden. Die verschiedenen Konfessionen sind näher zusammengerückt und Spannungen untereinander sind vergessen. Besonders die griech. kath. Kirche hat unter der Bevölkerung sehr an Ansehen gewonnen seit der junge Grosserzbischof von Lemberg dem Präsidenten der Ukraine öffentlich widerstanden hat.

Menschengruppen beim Beten auf dem Platz

Mitten auf dem Maidanplatz in Kiew haben die griech. kath. Gläubigen ein riesiges Zelt aufgebaut, in welchem eine Kapelle eingerichtet wurde, in der alle Konfessionen sich betend vor Ikonen aufwärmen konnten. Das Zelt wurde mit Holz geheizt, weil die Temperaturen nachts bis minus 20 Grad fielen. Tausende harrten bei der klirrenden Kälte aus. Mit Freude und Dankbarkeit stellte ich fest, dass um das Zelt herum ein Dutzend grosser Bilder des „Barmherzigen Jesus“ angebracht waren, welche unsere Stiftung «Triumph des Herzens» zu hunterttausenden für die Kirchen in der Ukraine gedruckt hat.

Priester beim Gebet

Als ich anfangs Januar den Maidanplatz besuchte, habe ich über 80 Zelte gezählt. Das gemeinsame öffentliche Gebet, die Liturgien der Priester aller Konfessionen mit zehntausenden verängstigten Menschen, die drei bis sechs Meter hohen, aus Müll errichteten Barrikaden vor der drohenden Gewalt der Polizei, des Militärs und der Sicherheitstruppen, haben bei mir einen unauslöschlichen Eindruck hinterlassen.

Priester auf dem Platz beim Gebet

Der damals noch regierende Präsident Janukowytsch bezichtigte die griech. kath. Kirche der Einmischung in staatliche Angelegenheiten und verlangte die unverzügliche Räumung der Kapelle unter Androhung eines Prozesses und dem Verbot der ukrain. kath. Kirche im ganzen Land. Mutig hat ihn der Grosserzbischof wissen lassen, die Kapelle werde nicht geräumt, denn die Kirche stehe immer an der Seite der Armen und Unterdrückten!

Priester betet zu den Leuten

Die Lage spitzte sich von Tag zu Tag zu und es kam zum Schiessbefehl auf die Demonstranten. Dutzende von Menschen wurden mit gezielten Kopf- und Herzschüssen aus grosser Distanz getötet. Immer wieder wurden die Spezialgewehre im Fernsehen gezeigt und es stellte sich heraus, dass diese Gewehre in einer Thuner-Waffenfabrik der Schweiz hergestellt und an die Ukraine verkauft wurden. Die Neutralität der Schweiz hat dadurch weltweit grossen Schaden erlitten! Doch ganz unverständlich, ja skandalös ist das Faktum, dass die Schweizer Regierung trotz Bekanntwerdung dieser Tatsache die Kriegsmaterialexporte noch weiter gelockert hat! Mit der Neutralität und der humanitären, friedensvermittelnden Tradition der Schweiz ist ein solches Gesetz nicht zu vereinbaren.

Seit der Krimkrise sind die Lebensmittelpreise in der Ukraine um 20-30% gestiegen. 18-25 Jährige wurden zur Mobilmachung eingezogen. In den Dörfern, wo Br. Bruno wirkt, sind bereits 60 junge Männer an die Front berufen worden. Von unseren jungen Erwachsenen aus dem Kinderzentrum in Kiew sind es zehn. Völlig verängstigt vor einem möglichen Kriegseinsatz an der russischen Grenze haben sie sich verabschiedet. Dem Militär fehlt es an allem, das Land ist bankrott. Von Haus zu Haus werden Lebensmittel für die Soldaten gesammelt. Viele sind mit Matratzen und Decken eingerückt, weil es vor Ort nichts zum Schlafen gibt. Zahlreiche Fabriken sind geschlossen, die Arbeiter ohne Lohn nach Hause geschickt worden und die Pensionen werden nur noch zögerlich ausbezahlt. Die Bevölkerung erlebt die Fastenzeit und den Kreuzweg am eigenen Leib.

Soldaten rücken ein

Niemand will Krieg in der Ukraine. Die meisten Familien haben Verwandte in Russland und wollen nicht gegen die eigenen Brüder kämpfen. „Nur kein Krieg“ hat man mir in den letzten Wochen immer wieder gesagt. Trotz der bedrohlichen Lage versammeln sich die Menschen in unserem ökumenischen Haus in Kiew zu geistlichen Exerzitien und zum Gebet. Die Arbeit am grossen Saal geht voran. Die Kinder kommen täglich ins Kinderzentrum und müssen abends nach Hause gebracht werden, weil die Sicherheit in Kiew nicht mehr gewährleistet ist. Wir bemühen uns vermehrt, den armen Familien, Behinderten und älteren Menschen mit Lebensmitteln beizustehen und sie in ihrer Angst zu trösten.

Kinder im Kinderzentrum

Die humanitäre Lage ist vor allem auf dem Land prekär. Hilfsgüter werden mehr denn je benötigt. Trotz der schwierigen Lage haben wir bereits fünf LKWs mit Hilfsgütern in die Ukraine gebracht. Verschiedene Minister und Abgeordnete haben uns ihre Hilfe zugesagt, damit wir auch zukünftig ungehindert Hilfsgüter in der Ukraine verteilen können. Gerade habe ich die Nachricht erhalten, dass wir von einem Schweizer Nahrungsmittelkonzern 20 Tonnen Teigwaren erhalten werden. Wir sind mehr denn je auf die Unterstützung unserer Gönner angewiesen, damit wir den Menschen in dieser schwierigen Zeit beistehen können.

Mädchen mit Plastiktüte

Wir danken allen Wohltätern, Mitarbeitern und stillen Betern für Osteuropa für die unentbehrliche und tatkräftige Unterstützung, damit wir die Not in diesen Ländern weiterhin lindern können! Möge der Auferstandene, der Tod und Leid überwunden hat, auch das ukrainische Volk zu einem Neuen Leben auferstehen lassen und die Gottesmutter allen Völkern die Freude und den Osterfrieden vermitteln!

In Dankbarkeit für Ihr Gebet und Ihre Unterstützung
P. Rolf Schönenberger

Fotogalerie

Die bedrohliche Lage in der Ukraine und die Annexion der Krim durch Russland, wurde durch die Geschehnisse in Kiew ausgelöst. Monatelang protestierten tausende Menschen auf dem Maidan, dem Hauptplatz Kiews, gegen die anti-europäischen Haltung ihres Präsidenten Viktor Janukowitsch. Die Mehrzahl der Ukrainer will eine Ausrichtung nach Europa. Sehen Sie eine Zusammenfassung der dramatischen Ereignisse in Kiew, die schliesslich zum Sturz von Viktor Janukowitsch und zur Bildung einer neuen Übergangsregierung geführt haben.

Protestierende Menschen
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Weiterführende Links

Eine gute Zusammenfassung der
Ereignisse in Kiew finden Sie
auf Wikipedia unter "EuroMaidan"

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