Nothilfe für die Erdbebenopfer in den Bergdörfern der Region Nuwakot, Nepal

7.-10. Mai – Einsatzbericht von Björn Apostel und Germaid Ponge

Die Region Nuwakot liegt nordwestlich von Kathmandu und ist 67 km und 3 Autostunden von der Hauptstadt entfernt. In Nuwaklot wollten wir zunächst die Stadt Devighat erreichen. Ein wunderschöner Ort im Tal, an dem zwei Flussströmungen aus den Bergen aufeinander treffen. Von dort aus sollte der Weg uns noch stundenlang weiter führen in die Berge, über Bergkämme, durch Wälder, auf staubigen Schotterstrassen mit einer riesigen Truck-Ladung Nahrungsmittel und immer am Rande des Abgrunds. Stetig ging es bergauf, bis zu einem sehr hochgelegenen Dorf namens Dhadakharka auf der Spitze des Berges, dem Ziel unserer Reise.

Einkauf von Reissäcken in Kathmandu

Beschaffung der Hilfsgüter

Bevor wir jedoch unseren zweitägigen Hilfsgüter-Trip angetreten sind, ging es wieder einmal auf Shopping-Tour. In Kathmandu organisierten wir zwei Pickup‘s, auf denen wir die Ladung von 120 Säcken Reis (25 kg), 5 Säcke Dhal/Linsen (30 kg), über hunderte Pakete Salz, sowie Öl, Kekse und Zeltplanen aufluden. Unser Team, welches sich auf den Weg gemacht hat, bestand aus fünf ausländischen Helfern, inklusive uns, und vielen weiteren Einheimischen. Schon die Fahrt nach Devighat war ein Abenteuer. Während die Truck-Fahrer die Serpentinen hochfuhren, sassen wir oben auf der Ladung des Trucks und wurden von einer Seite zur anderen geschleudert, mit Mundschutz natürlich, sonst wäre die Fahrt auf den staubigen Strassen kaum auszuhalten gewesen. Leider zeigte einer unserer Fahrer etwas zu viel Ambition und donnerte mit voller Geschwindigkeit eine steile Strasse hinunter. Unser vorderer Pickup musste plötzlich stark bremsen und schon war es geschehen. Der hintere Pick-Up krachte auf den anderen und beide Pickup’s hatten beachtlich Schäden in der Verkleidung. Nach ein wenig hin und her überlegen, war es klar, wir fahren weiter. Niemand war verletzt, die Autos noch fahrtüchtig, also weiter ging's...

Germaid Ponge vor einem Stapel Reissäcken

1. Etappe bis Trishuli

Angekommen in Devighat! Hier luden wir zunächst einmal all unsere Hilfsgüter ab und organisierten einen grösseren Truck und einen Fahrer mit mehr Erfahrung, der uns am nächsten Tag weit in die Berge bringen sollte, denn weitere Unfälle wären lebensgefährlich, auf den Strassen, die nun vor uns lagen. Eine schmale Hängebrücke über den Fluss Trishuli, führte uns dann in unser Nachtlager. In dem Ort Trishuli, einen 10-minütigen Fussmarsch über die Hängebrücke von Devighat entfernt, trafen wir auf eine wunderbare Familie, die uns herzlich aufgenommen hat. Hanuman, einer der Dorfbewohner lud uns ein, bei ihm zu übernachten, seine Frau beköstigte uns. Wir durften eine Gastfreundschaft erleben, die einen das Herz wärmt, wenn man bedenkt, dass auch diese Menschen alles verloren haben. Trishuli selbst ist zu 70% zerstört. Viele Menschen auf dem Weg zu unserer Herberge haben wir schon am Rand der Strasse medizinisch versorgt. Obwohl Hanuman und seine Familie selbst kein Haus mehr besitzen, weil alles in Schutt und Asche liegt, hat er uns aufgenommen und alles daran getan, dass wir unsere Reise nach Dhadakharka am nächsten Tag fortführen können.

Kinder und ein altes Holzbett

Als wir unser Lager unter zwei Zeltplanen errichtet hatten, kamen weitere Dorfbewohner mit Verletzungen, die wir behandelt haben. Unsere Krankenschwester, Therese, hat Germaid und Megan aus unserem Team bereits in die Ausbildung der Erste Hilfe genommen, sodass wir ebenso medizinische Versorgung leisten können. Unsere Herzen waren zutiefst mit Trauer erfüllt, als ein Vater mit seiner kleinen fünfjährigen Tochter, die einen enormen Verband um ihre Hand hatte, zu uns kam. Beim Beben ist ihr ein Stein auf die Hand gefallen, der einen offenen Bruch am Finger verursachte. Dieser wäre eigentlich zu retten gewesen. Doch der zuständige Arzt im Krankenhaus hatte zur Zeit der Beben so viel zu tun, dass er den Finger des Mädchens einfach amputierte. Die Kleine war unfassbar tapfer, als unsere Krankenschwester ihr einen neuen Verband anlegte.

Krankenschwester verarztet ein Mädchen

Die Nacht verbrachten wir in einer Wellblechhütte auf dem Lehmboden. Hanuman und seine Familie haben innerhalb von zwei Tagen eine grossartige Hütte aus den Trümmern wieder aufgebaut und können hier nun vorläufig einigermassen gut leben. Wir fühlten uns geehrt und empfanden diese Unterkunft als das beste Hotel, in welchem wir bisher auf unserer Reise Gast sein durften.

Gemütliches Beisammensein

Abenteuerliche Reise ins abgelegene Bergdorf Dhadakharka

Am nächsten Morgen wurden wir von einem unserer Einheimischen Begleiter um 06.00h aus den Federn getrommelt. Während das Dorfleben schon längst im Gange war, schliefen wir Ausländer noch tief und fest. Und dann ging's los. Der grössere Truck konnte nun die ganze Ladung fassen, die wir zuvor auf zwei Pickup’s verteilt hatten. Unser ganzes Team stieg wieder hinten auf die Ladung, Mundschutz aufgesetzt und ab in die hohen Berge. Der Weg führte auf der schmalen, staubigen Strasse, die sich an den Berghängen entlang schlängelte, an tiefen Schluchten vorbei. Teilweise sahen wir neben uns nur noch Abgrund. Das Beben hinterliess auch hier seine Spuren. Viele Felsbrocken lagen auf der Fahrbahn und enorme Risse durchzogen den Weg. Doch unser Fahrer war top und verdient einen Orden dafür, dass er uns diese abenteuerliche Strasse sicher hoch und runter gebracht hat.

Team steigt auf beladenen Pickup

Oft mussten wir anhalten und unsere Jungs schoben den Truck an, wenn dieser die Steigung nicht schaffte. Zweimal mussten wir sogar die Hälfte der Säcke abladen, weil die Ladung zu schwer für gewisse Wegstrecken war. Der Truck fuhr dann mit der anderen Hälfte die extreme Steigung weiter. Oben angekommen luden wir den Rest ab, der Truck fuhr wieder runter und holte den Rest der Ladung nach oben. An einer Stelle kamen die Dorfbewohner herunter und schleppten die 25-Kilo schweren Reissäcke selbst nach oben, sodass der Truck ohne Ladung weiterfahren konnte, weil der Weg einfach immer steiler und unbefahrbarer wurde.

Dorfbewohner beim schleppen der Reissäcke

Wir begegneten einem ca. 70-jährigen Mann der weiter unten am Berg auf unseren Truck hüpfen wollte, um ein paar Meter mitgenommen zu werden. Er wurde jedoch wieder herunterschüttelt. Oben auf dem Berg trafen wir ihn wieder, vielleicht eine Stunde später. Er hatte er uns mühelos eingeholt. Genüsslich und entspannt paffte er auf seiner selbstgebastelten Pfeife und lief beschwingt den Berg wieder hinunter mit seinen drahtigen Beinen. Keine 10 Minuten später spazierte er wieder nach oben, diesmal mit einem 25-Kilo schweren Sack Reis auf seinen Schultern. Die Menschen in den Bergdörfern sind einfach unglaublich. Alte Männer und Frauen und Kinder tragen hier die schwerste Last vor ihre Stirn gebunden, alles gar kein Problem. Sehr beeindruckend. Nach ca. 5 Stunden gelangten wir dann endlich in das Dorf Dhadakharka. Hier oben und auch schon auf dem Weg hierhin wurden wir mit dem schönsten Blick der Welt belohnt, weit über Berggipfel, bewaldete Hänge, saftig grüne Reis-Terrassenfelder. Dieses Land ist so unfassbar schön, dass wir nur staunen konnten.

Stapeln der Reissäcke im Dorf

Medizinische Versorgung und Verteilung der Hilfsgüter

Wieder versorgten wir die Menschen medizinisch und verschafften uns einen Überblick über die Zerstörung. Auch hier waren viele Häuser zerstört oder hatten so enorme Risse, dass man sie nicht mehr gefahrlos betreten konnte. Das grosse Problem, das die Menschen hier haben ist, dass ihre Nahrungsvorräte und ihre Saatgut teilweise in den Häusern verschüttet wurden, was ihnen als Bauern dauerhaft die Lebengrundlage nimmt. Daher haben wir diese Menschen zunächst einmal mit Nahrung versorgt. 120 Sack Reis, Dhal, Salz, etc. für 120 Familien. Unsere einheimischen Begleiter haben die Verteilung vorbildlich organisiert. Es gab eine lange Namensliste der Familien im Dorf. Jede Familie wurde aufgerufen und ein Mitglied trat vor und konnte die Nahrungsmittel entgegen nehmen. So haben wir verhindert, dass ein zu grosser Andrang beim Verteilen der Güter vorherrschte oder dass einige Familien mehr bekamen als andere.

Übergabe eines Reissacks an eine Frau

An einem Tag konnten wir nun 120 Familien glücklich machen. Hunderte von strahlenden Gesichtern schienen uns entgegen. Wir haben so viel positive Energie erhalten, dass wir hier noch wochenlang weitermachen könnten. Als wir uns wieder auf unseren leeren Truck geschwungen haben, liefen viele der Dorfbewohner und Kinder noch freudig und winkend hinterher, immer mit einem Namaste zum Himmel gerichtet. Danke!

Dorfbewohner und Kinder winken

Auf dem Weg nach unten wurden wir nochmal ordentlich durchgeschüttelt, da wir nun auf der leeren Pritsche sassen und nicht mehr auf der Ladung. Doch ein bisschen hatten wir sogar noch über. Kekse, einen Sack Reis und einige Zeltplanen konnten wir auf dem Weg runter nach Trishuli noch aus dem Truck an Menschen verteilen, die ebenfalls ihre Häuser verloren haben. So haben wir an diesem Tag über tausend Menschen helfen können, auch dank eurer Spenden. Ihr seid Teil dieser Reise gewesen. Wir danken euch von Herzen, dass wir mit euren Spenden überhaupt solche Hilfsaktionen in so abgelegene Orte machen können. Auf das noch viele folgen! Danke!!

Verteilen von Zeltplanen aus dem Truck

Alam Dala 6, ein weiteres, komplett zerstörtes Bergdorf, Ziel unsers nächsten Hilfstransports

Auf dem Weg bergab haben wir in einem Ort einen Mann getroffen, der davon gehört hatte, dass ein Hilfsgütertransport in der Region ist. Schnell hat er sich auf den Weg gemacht, uns zu finden. Sein ganzes Dorf sei zerstört, noch keine Hilfe sei angekommen. Die Dorfbewohner stammen aus der niedrigsten Kaste und bekommen teilweise keine Kredite, um sich Lebensmittel zu kaufen. Auch hier wurden ihre Vorräte und ihre Saat verschüttet. Björn hat sich sofort mit einem Motorbike in dieses Dorf aufgemacht und eine erste Bestandsaufnahme gemacht: 300 Häuser zu 100 % Prozent zerstört. Ihr werdet bald mehr zu lesen und zu sehen bekommen von diesem Dorf, Alam Dala 6, denn das wird unser nächstes Ziel sein!

Komplett zerstörtes Bergdorf

Vorbereitungen für den Hilfstransport nach Alam Dala 6

9. und 10. Mai 2014

Morgen heisst es für uns wieder um 6 Uhr aus den Federn springen. Die letzten zwei Tagen haben wir organisiert, was das Zeug hält. Bei unserem letzten Besuch in der Region Nuwakot haben wir auf der Rückfahrt ein Dorf besucht, bei dem 100 % der Häuser zerstört sind. 300 Familien haben kein Dach mehr über dem Kopf. Als Bauern haben sie ebenso ihre Lebensgrundlage verloren, da ihre Saatgut in den Häusern verschüttet wurde, Reisvorräte und andere Lebensmittel ebenso. Das Dorf heisst Alam Dala 6. (Es gibt insgesamt 9 Alam Dalas in der Region). Viele der Dorfbewohner stammen aus der untersten Kaste, was bedeutet, dass ihnen die Händler der umliegenden Dörfern keinen Kredit auf Lebensmittel geben, weil sie zu arm sind, um ihn zurückzahlen zu können. Was sollen sie also essen? Wo sollen sie schlafen? Wo können sie unterkommen, wenn es regnet?

Zerstörte Häuser

Es war für uns sofort klar, dass wir als nächstes dieses Dorf unterstützen wollen. Innerhalb von zwei Tage haben wir ein Team zusammengestellt, Geld beschafft, den Transport organisiert, Zeltplanen und ausreichend Nahrung gekauft und das für insgesamt 300 Familien. D.h. wir können morgen über 2‘000 Menschen mit Nahrung und einer Unterkunft versorgen. Wir wollen aber auch langfristig Mittel für den Wiederaufbau beschaffen und die Menschen mit Wellblech und Werkzeug versorgen, damit wir gemeinsam mit den Dorfbewohnern neue Unterkünfte bauen können, so dass sie die Monsunzeit überstehen können.

Trümmerhaufen

Ein spanisches Filmteam wird uns begleiten, welches einen Dokumentarfilm über freiwillige Volontäre dreht, die in den weit abgelegenen Bergregionen Hilfe leisten. Es ist ermutigend, wie viele Menschen hier Vertrauen in uns setzen, uns unterstützen und mit uns zusammen arbeiten wollen!
Wir möchten uns bei allen bedanken, die uns in den letzten zwei Tagen so enorm unterstützt haben, dass wir die Logistik für unser Unternehmen innerhalb so kurzer Zeit überhaupt realisieren konnten. Daniel und Joel aus Kanada, die unser Team begleiten und 100.000 Rupien beisteuern, Thea, unser neues Teammitglied, die aus der Schweiz zugereist ist und weitere 100.000 Rupien einbringt. Dany, der ebenfalls 50.000 Rupien dazu gelegt hat und Nico, der Betreiber unseres Hostels, der uns weitere Zeltplanen bis morgen früh beschafft und uns 200.000 Rupien zur Verfügung gestellt hat. Für die 300 Familien kaufen wir Lebensmittel im Wert von 600.000 Rupien ein, was umgerechnet knapp 5.500 Euro entspricht. Und da sind weder Zeltplanen noch Transport mit einberechnet. Ein besonderer Dank geht an Zach für die Zurverfügungstellung der Transportmittel und an Hanuman, der alle Nahrungsmittel in seinem Dorf besorgt hat und uns wieder in seinem Heim übernachten lässt.

Junge steht auf den Trümmerhaufen

Oft standen wir in den letzten zwei Tagen vor dem angeblichen "Aus". Wie soll das noch zu bewerkstelligen sein? Die Lieferung der 100 Zeltplanen kommt doch nicht rechtzeitig an! Wir bekommen nicht so viel Cash auf einmal aus der ATM! All diese Fragen und Probleme... doch immer wieder kamen kleine Lichter auf uns zu, in Form von wunderbaren Menschen, die unsere Mission unterstützen wollten! Danke! Danke! Und nochmal Danke! Somit verabschieden wir uns nochmal für zwei Tagen. Morgen geht's erneut in die Berge von Nuwaklot, wo wir über 2‘000 Menschen helfen können.

Alles drunter und drüber

Fotogalerie

Hunderte Dörfer in der Region rund um Kathmandu liegen in Schutt und Asche. Unser Team, dass nun seit fast zwei Wochen Hilfsgüter, Zelte, Nahrung und medizinische Hife in diese Dörfer bringt hat bisher weder eine der grossen Hilfsorganisationen, noch Hilfsgüterlieferungen der Regierung gesehen, welche den Menschen in ihrer existentiellen Not zur Hilfe kommen. Björn Apostel, unser Koordinator vor Ort, braucht dringend finanzielle Unterstützung, damit er Zeltplanen, Lebensmittel und Medikamente für die Menschen, die alles verloren haben, organisieren und verteilen kann.

Stapel Reissäcke
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